Rückblick auf 20 Jahre SPD-Ortsverein

Mein Weg vom/seit dem Herbst 1989 in die und mit der SDP/SPD bis heute

Im Herbst 89 keimte eine Hoffnung auf Veränderung. Was diese beinhalten sollte und könnte, war noch sehr vage. Große Worte wie: Freiheit und Demokratie; wir konnten sie kaum denken und mit Inhalten füllen. Werden wir den dogmatisierten Machtanspruch der SED brechen können, und was kommt danach?
Eine Vereinigung Deutschlands war für viele, so auch für mich noch nicht vorstellbar. Zwei so verschiedene Systeme, wie soll das gehen? Also das Vorhandene reformieren, oder “den dritten Weg” gehen?

Doch sehr bald und bis heute war und ist in mir Freude über die mögliche Vereinigung Deutschlands. In der Euphorie: wir bewegen etwas, wuchs auch bei mir der Gedanke: Ich will dabei sein, will mich direkt einmischen und nicht nur geschehen lassen.

Dann irgendwann im November: Ingo Richter lud in den Hörsaal der Uni-Kinderklinik zur Gründung der SDP ein. Wir waren zu zweit dabei und traten in die neue Partei noch am selben Abend ein. Wichtig für meine Entscheidung war unter anderem, was ich von der Politik Willi Brandts und Helmut Schmidts wußte.

In den ersten Wochen nahmen wir an den Versammlungen des Ortsvereins Rostock-Südstadt teil. Und dann, es war wohl Anfang Januar, ein Treffen in einer Kritzmower Wohnung mit anderen möglichen Parteifreunden (Genossen kann ich bis heute nicht sagen) mit dem Ergebnis: Wir laden für den 26.01.90 zur Gründung des Ortsvereins Kritzmow/Stäbelow in die Gaststätte “Unter den Linden” ein und mit dem Ziel der Mitgliederwerbung auch die Öffentlichkeit.

Bereits im Herbst 89 wurden wir gebeten, für die SDP an den Beratungen des Runden Tisches im Kreis Rostock-Land teilzunehmen. Ich fühlte mich geehrt, und es entsprach meinem Wunsch, mich einzumischen. Und dennoch beschlich mich manchmal das Gefühl, ob es nicht fähigere Menschen gäbe für diese wichtige Aufgabe; ich war ja doch meist nur Hörer.

So war es dann auch, als die ersten demokratischen Wahlen des Jahres 1990 anstanden. Ich kandidierte für die Gemeindevertretung Stäbelow und wurde gewählt. Noch einmal wurde ich gewählt für die dritte Wahlperiode. In diesen für mich wichtigen Jahren, in denen wir, oder besonders ich Politik aus dem Bauch heraus machten, erlag ich immer wieder dem Eindruck: Den größeren Einfluß gewinnen Bürokraten und Technokraten, und den daraus resultierenden Zwängen kann ich nicht genug entgegensetzen. Zur vierten Kommunalwahl bin ich dann aus beruflichen Gründen nicht mehr angetreten.

Sehr bald nahm ich auch an Versammlungen des Ortsvereins nicht mehr teil. Auch weil ich immer mehr die Erfahrung machte: ich habe für viele Probleme gerade auch sozialer und wirtschaftlicher Art keine Lösung, und weiß auf Fragen von Kollegen und Mitmenschen keine Antwort. Bei Gesprächen, ich will sie hier Alltagsdiskussionen nennen, habe ich nur das Argument, dass – wie ich denke – richtig und wichtig ist, aber nicht ausreicht. Dies Argument ist:
Demokratie ist nie fertig, sondern stets im Werden, ja muß erstritten werden, und der beste Weg ist die Beteiligung Vieler (ideal wäre Aller).

In den Diskussionen hört man Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, Existenzangst und Angst vor Altersarmut. Dazu Ablehnung wie pauschale Verurteilung “aller Politiker, die nur auf eigenen Vorteil bedacht sind, und Parteien, die sich nur um sich selbst drehen und den Blick für die Menschen und ihre Probleme verloren haben.”

Ich habe mich schon mehrfach mit dem Gedanken getragen aus der SPD auszutreten, aber diesen Schritt nicht getan mit der Selbstvertröstung: auch ein inaktives Mitglied zählt noch in der Statistik mit.

Ich wünsche mir so sehr eine solidarische Zivilgesellschaft und weiß doch, dass ich wie auch Andere dafür mehr tun sollten, aber oft zu träge sind. Nun ist das sehr pessimistisch und ich möchte mir doch die Hoffnung erhalten, dass die kleinen positiven Dinge, die auch geschehen, immer wieder einen Ausgleich schaffen.

Text: W. D., verlesen auf der Veranstaltung zum 20. Jahrestag unserer Gründung von H.V.